Samstag, 21. April 2012

Boy A [John Crowley | GB 2007]


Vierzehn Jahre eingesperrt, die ganze Jugend hinter Gittern verbracht als Strafe für kindische Dummheiten, die zu einer grauenvollen Tat ausuferten. Nach abgesessener Haftstrafe soll nun der Neuanfang folgen mit neuem Namen und neuer Identität. Doch kann man eine so lange Zeit unvergessen machen? Kann man sich von Schuld und Sünde reinwaschen? Sind die bösen Erinnerungen nicht allgegenwärtig und verhindern sie es nicht, ein normales Leben zu führen, als wäre nie etwas gewesen? Crowley zeigt seine Hauptfigur als ein bemitleidenswertes Etwas, vergibt ihm schon von Anfang an und lässt so gar nicht die Frage aufwerfen, ob die 14-jährige Freiheitsstrafe gerechtfertigt sei. Somit distanziert er sich sogleich vom üblichen Justizdrama, aber konzentriert sich stattdessen auch nicht auf die sozialen Hintergründe des Protagonisten, die über die üblichen Probleme des niederen Milieus ebenso oberflächlich wie schematisch abgehandelt werden. Was also ist es, worauf sich der Film spezialisiert? Es ist das gesellschaftliche Umfeld, das sich immer wieder an unserer Hauptfigur reflektiert und Boy A eine interessante und spezielle Note verleiht. Verschüchtert und ein wenig infantil spielt Andrew Garfield den Jungen, der seit seiner Kindheit nicht mehr auf freiem Fuß war, nie die Schule absolvierte, nie auf Jobsuche ging, nie eine Jugendfreundin hatte mit solch einer Präzision, dass man sich nie die Frage stellt, ob einen der Knast nicht hart und reif macht oder ob es die Gesellschaft ist, die das Kind zum Mann formt. Garfield macht sein Spiel, obgleich es der Wahrheit entspricht oder nicht, zur zweifellosen Realität und beantwortet alle bislang offenen Fragen über Schuldgefühle, Reue und Vergangenheitsbewältigung mit seinem Gesicht, indem sich all das widerspiegelt, was unausgesprochen bleibt. Neben ihm brilliert auch Peter Mullan als sein Bewährungshelfer, dessen väterliche Fürsorge umso interessanter wird, nachdem sein wahrer Sohn in sein Leben zurückkehrt. Langsam und behutsam spannt sich so ein zerbrechliches Netz zwischen jeder Figur, das bei jedem weiteren Riss die Chancen des Protagonisten auf eine soziale Rehabilitation verringert. Dabei geht es Crowley nicht einmal darum, durch ein Musterbeispiel einen allgemeinen Standpunkt über die Frage nach der Möglichkeit gesellschaftlicher Wiedereingliederung zu kreieren, sondern lediglich ein individuelles Schicksal als Plattform für ein einfühlsames Jugenddrama herauszugreifen, das mehr Fragen aufwirft als beantwortet und so ungemein zum Nachdenken anregt. Ein schwer verdaulicher Mitternachtshappen, der im Bett regelrecht zum Grübeln veranlasst. Wie würdest du auf einen Mörder reagieren?

7/10

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