Mittwoch, 24. Oktober 2012

Wer Gewalt sät [Sam Peckinpah | GB/USA 1971]

Dustin Hoffman

Idyllische Ruhe suchte das junge Pärchen auf dem Land, gefunden aber hat sie lediglich die Angst. Sam Peckinpah macht es sich in seinem ersten Nicht-Western, der dennoch vom machohaften Saufgesindel bis zu eingeschlagenen Fensterscheiben genügend Genre-Ähnlichkeiten aufweist, zur Aufgabe, die Natur des Mannes zu charakterisieren. Dustin Hoffman spielt dabei in seiner vielleicht besten Rolle den gebildeten Astromathematiker in einem Käfig voller Primitiven, die ihn wegen seiner städtischen Unerfahrenheit und seiner sanftmütigen Art belächeln, während er wiederum sein arrogantes Ego ausspielt, im Wissen, mehr in der Birne als die ungebildeten Dörfler zu haben. Es ist der versinnbildlichte Kampf des Mannes zwischen Körper und Geist, zwischen Trieb und Vernunft, der zu einer Reihe gefährlicher Anspielungen und feindseliger Blicke führt, in denen Gewalt in der Luft liegt und die Angst vollkommen spürbar ist, bis die Spannungen schließlich kein Halten mehr kennen, die Vernunft verliert und die Taten in roher Gewalt münden, wenn sich in der finalen Krisensituation jede spießbürgerliche Fassade entblättert und sich auf ebenjene gewalttätigen, lüsternen Triebe reduziert, die der Gebildete anfangs zu verabscheuen schien. Und nach dem unausweichlichen Blutbad? Keine Reue, keine Bestürzung. Stattdessen ein Lächeln. Und du selbst, lächelst du auch? So konsequent und provokant ist Kino viel zu selten.

8/10

Kommentare:

  1. Toll das du wieder dabei bist.

    Grüße von Movie Skyline :)

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  2. Ich denke, der Film reicht inhaltlich viel weiter. Als allgemeine Studie über Gewalt, was zwingenderweise beide Geschlechter einschließt, überragt die Tiefsinnigkeit der Geschichte bei weitem die, wie du es geschrieben hast, Charakteristik der "Natur des Mannes". Diese fundierte Analyse beispielsweise (3. Absatz!) räumt der Rolle der Frau ebenfalls entschiedenen Spielraum zu.

    Ich würde vor allem denken, dass die Vernunft am Ende eben nicht verliert, weil Davids Vernunft den einzigen Rettungsanker darstellt, diese Extremsituation akribisch zu koordinieren und deshalb zu überstehen. Nicht zuletzt behauptete sich David davor immer wieder mit einem lockeren Spruch oder einem Lächeln gegen die unterschwellige Feindseligkeit, eine Rationalität, die ihn stets heimlich triumphieren ließ und ihm im Finale den abgeklärten, kaum hektischen Blick für die Gefahr einbringt. Im Grunde gewinnt am Ende gar die "spießbürgerliche Fassade", auch wenn dein ausgemachtes Lächeln mir sehr zynisch vorkommt. Die Beziehung der beiden hat so oder so genauso unausweichlichen Schaden davongetragen, wie sie bereits am Anfang des Films hinter vorgehaltener Hand kaum funktionierte. Die Bestürzung kommt erst hinterher, nach dem Abspann.

    Mir gefällt an dem Film auch die bebilderte Lust an der Gewalt, sich ihr hinzugeben aus Rebellion oder persönlichem Eigennutz: In der Schlüsselszene, der Vergewaltigung, lässt sich Amy irgendwann auf sie ein, wohlwissend, dass sie es eigentlich gar nicht ertragen kann.

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    1. Witzig, dass ich mit dir genau über diesen Film reden wollte, weil mir direkt nach der Sichtung nicht auf alles einen Reim machen konnte und als ich meine Fragen formulierte, kamen mir jene Gedanken in den Kopf, die für mich auch durchaus einen Sinn machten.

      Ich hab mir nun die Analyse zu Gemüte geführt und muss sagen, dass so natürlich alles noch einen größeren Sinn ergibt. Über die Rolle der Frau müssen wir da gar nicht weiter diskutieren. Das hab ich einfach galant ignoriert. ;)

      Und ja, David gewinnt letztendlich wegen seiner Vernunft, da mit ihrer Hilfe seine Gewaltanwendung stets wohl überlegt auftritt, das müsste ich auch noch korrigieren, aber ich glaube nicht, das am Ende die "spießbürgerliche Fassade" triumphiert, genau wie ich ebenso wenig den Eindruck hatte, das David bei den ersten gewaltfreien Provokationen als Gewinner hervorging, auch nicht als heimlicher.

      Peckinpahs Sichtweise ist in meinen wesentlich pessimistischer, denn er besagt eigentlich, dass sich seit dem Urmenschen im Grunde nichts geändert hat. Worte haben gegenüber Muskelkraft keine Macht. Gewalt ist stets omnipräsent und wird dem Menschen in Konfliktsituationen stets als hilfreiches Mittel dienen. Sie ist in uns. Intelligenz allein nützt nichts. Nur eine Kombination aus beiden gibt einem die Chance als Gewinner hervorzugehen. Die "spießbürgerliche Fassade", wie ich es formulierte, verabscheut Gewalt, doch auch David muss einsehen, dass dies ihm die einzige Lösung erscheint, sich endlich Ruhe zu verschaffen und dem Konflikt ein Ende zu bereiten. Jene Fassade verliert also und die Gewalt siegt. Zwar nicht die triebhafte und instinktive, dafür aber die wohl dosierte und zweckdienliche. Danke für die Ergänzung. Da könnte ich den Kommentar gleich neu schreiben. ^^

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    2. Es lohnt sich generell, Peckinpah weiter zu erforschen (auch seine Western). Seine oft sperrigen Werke sind sehr intensiv und thematisieren alle möglichen Arten von Gewalt, die trotz ihrer stilistischen Raffinessen nie ästhetisiert, sondern in ihrer eigenen abstoßenden Reinheit gezeigt werden, die zu seelischen Vernarbungen führen. Aus diesem Grund ist die Gewalt in den meisten Filmen Peckinpahs stets nie gut oder schlecht, sondern ambivalent; gut für den Moment, um zu überleben, aber möglicherweise schlecht für die Zukunft.

      Das, was einem vielleicht dennoch nicht ganz behagen wird, liegt wahrscheinlich in Peckinpahs etwas "seltsamem" Frauenbild, das es zulässt, dass die Frauen immer mal wieder eine Backpfeife bekommen, vergewaltigt oder ähnlich drangsaliert werden. Manche nennen das misogyn (bei Brian De Palma nicht anders). Kein Regisseur verfügt allerdings über einen begnadeteren Zeitlupeneinsatz.^^

      Dem stimme weitgehend ich zu, aber interessant wird es ja erst, wenn der Film aussetzt: Ob wirklich die ersehnte Ruhe eingekehrt ist? Für den Moment oder auch darüber hinaus? Ob die Gegengewalt aus Notwehr (das scheint mir am passendsten) die Gewalt tatsächlich überlistete? Als Amy und David im Städtchen angekommen sind, sieht man spielende Kinder mit einem Hund. Man könnte dies als Tierquälerei deuten, symbolisch ein wiederkehrendes Peckinpah-Motiv: In der Anfangssequenz aus THE WILD BUNCH sieht man beispielsweise eine Schar Leute, die einen Skorpion-Wettkampf veranstalten. Die Gewalt scheint demnach omnipräsent, ja, aber das muss nicht bedeuten, dass sie von erwachsenen Menschen gegen erwachsene Menschen praktiziert wird, sodass man sie - im besten Falle - beenden könnte, sondern bereits im Entwicklungs- und Reifeprozess von Kindern und von Menschen gegen Tieren. Später gibt eine erhängte Katze gar offensiv Aufschluss darüber, wo Peckinpah die Gewalt überall verortet. Lassen sich da die Konflikte wirklich beenden oder nur aufschieben?

      Der Film verhandelt für mich jedenfalls vielmehr die unausgesprochene Gewalt metaphorisch - keineswegs repräsentieren diese gewalttätigen Dorfbewohner die einzige Gefahr, eher repräsentieren sie die Gefahr, aufgrund deren Folgen jene unausgesprochene Gewalt sichtbar wird und sich im Showdown entlädt: Sowohl die grimmig-neblige Landschaft als auch die von Konflikten und kaum unterschiedlicheren Lebensvorstellungen durchzogene Ehe der beiden Protagonisten birgen erhebliches Gewaltpotenzial in sich. Genaugenommen muss David möglicherweise erkennen, dass das Scheitern der Kommunikation beider Parteien in seiner Ehe einen Kreislauf durchlitt, an dessen Ende nur die sichtbare Gewalt stand, damit die beiden nach dem Konflikt zum ersten Mal miteinander reden können und sich nicht gegeneinander ausweichen, wie sie es im Laufe des Films bevorzugt haben. Zynisch könnte man annehmen, dass die Ehe beider dadurch gerettet wurde, weil die Dorfbewohner so sind, wie sie sind. Ob das allerdings in Zukunft so bleibt (ob der, wie mir eher scheint, Hauptkonflikt ihrer Ehe [!] beendet sei), weiß ich nicht, dafür sind ihre Figuren auch zu verschieden gezeichnet und die sich andeutende Gewalt im Ort insgesamt zu weiträumig gestreut (siehe die Kinderszene und alle anderen Bewohner). Mich erinnert das an EYES WIDE SHUT, wo Tom Cruise seine (kommunikationslose) Ehe rettet, indem er durch die Hölle geht.

      Soweit zu meinen (zugegeben: merkwürdigen^^) Gedanken, ich müsste den Film irgendwann noch einmal schauen.^^

      Hach, ich mag es aber, wenn du solche coolen Filme rezensierst. Da gibt's immer Gesprächsstoff.^^

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    3. Und ich mag es, wenn du deine ehrlichen Ausführungen dazu beschreibst, die nochmal ungemein meinen Horizont erweitern und Peckinpah als einen wahren Meister dastehen lassen. Ich jedenfalls hab jetzt große Lust, seine anderen Werke zu erforschen.

      Wieso merkwürdige Gedanken? Dem Ganzen ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Mir fiele zumindest nichts ein. Das kommt mir übrigens absolut krank vor, was du hier betreibst. :D Du hast den Film schon länger nicht mehr gesehen und gibst hier jede Menge verdammt detaillierter Interpretationsansätze preis. Ich kann meine paar Zeilen eigentlich nur direkt nach dem Schauen oder höchstens einen Tag danach noch wiedergeben. Du könntest hingegen jetzt noch einen fünfmal so langen Kommentar über den Film schreiben. Mein Vorschlag: Tu es. Mit deinem Talent will ich mal gesegnet sein... ^^

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  3. Naja, irgendwann mal. Bitte lösche diesen Post nicht, das wird meine Quelle; ich brauche nur noch eine Einleitung und einen Schluss, den Rest kopiere ich aus meinen Kommentaren. :D Der Film fasziniert mich schon ziemlich, ja...

    GETAWAY von Peckinpah hatte ich übrigens erst kürzlich geschaut; der würde dir bestimmt auch gefallen, schätze ich.

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    1. "Getaway" wollte ich eigentlich sogar eher als den hier sehen, aber ich find den nirgends legal und übers Internet will ich mir nach wie vor (noch) nichts bestellen.

      Natürlich lösch ich den Post nicht.

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