Mittwoch, 28. März 2012

In der Hitze der Nacht [Norman Jewison | USA 1967]


Der mit fünf Oscars überhäufte Südstaaten-Klassiker In der Hitze der Nacht hat wohl mit dem Thema Rassismus sein damaliges Publikum fest an der Ehre gepackt und neue Debatten über Toleranz entfacht. Aber ob Jewisons Werk auch heute noch seine Zuschauer zum Nachdenken anregt oder ein für den Schulunterricht beispielhafter, kultureller Beitrag ist, darf stark angezweifelt werden. Trotz dass der Film auf technischer und vor allem schauspielerischer Ebene glänzt, macht es sich Jewison inhaltlich viel zu einfach und bearbeitet letztlich ein sehr ernstes und wichtiges Thema recht oberflächlich. Sidney Poitier darf hierbei den gutmütigen, friedliebenden Touristen spielen, während die Polizisten und Bürger aus der kaum fortschrittlichen Kleinstadt Sparta erst mit ihren traditionellen Sichtweisen Ziel unserer Antipathie sind, später aber zumeist einen Wandel eingehen, da sie beginnen, ihren dunkelhäutigen Kollegen so langsam zu schätzen. Dass der Film diese schrittweise Veränderung zum Guten keinesfalls kitschig, noch unnötig überzogen und unrealistisch zelebriert, ist ein starkes Zeugnis inszenatorischer Reife, die deutlich positiver hätte ausfallen können, wenn Jewison seinem Publikum mehr zu sagen hätte, als dass persönliche Wertschätzung nicht auf die Hautfarbe, sondern auf den Menschen und seine Arbeit ankommt. Stattdessen benutzt er einen wenig interessanten Kriminalfall als bloßen Aufhänger für sein Rassismus-Thema, was zur Folge hat, dass die eigentliche Polizeiarbeit genauso uninspiriert und wenig überraschend ist wie seine Auflösung am Ende. Zurück bleibt ein für die 60er handwerklich wirklich klasse gemachter Film, der viel Potential ungenutzt lässt und dessen Story die letzte Würze zu einem sehenswerten und nachdenklichen Werk fehlt. Schade eigentlich.

5/10

Kommentare:

  1. Schade eigentlich, dies trifft es wohl.

    Hier hat sich wohl jemand an der Besprechung des Films gewaltig verhoben.
    Eben weil Jewison einen „uninspirierten“ Kriminalfall nutzt, kann er mit seinem gänzlich unaufgeregten Inszenierungsstil den damals alltäglichen Rassismus aufzeigen.
    Die Wertschätzung eines Menschen bezog sich Ende der 60er in weiten Teilen der USA vor allem auf ethnische Herkunft und Hautfarbe. Genau dies ist der Knackpunkt, Jewison appelliert nicht, klagt nicht an, sondern zeigt, dass der besser ausgebildete Schwarze aus dem Norden einfach smarter ist als seine weißen Berufskollegen.
    Was heute alltäglich wirkt war 1967 noch eine Sensation, selbstverständlich ist ja heute noch nicht.

    Zudem zeigt Jewison, dass sich nicht nur die Weißen von Vorurteilen leiten lassen, auch der von Poitier gespielte Tibbs lässt sich durch eigene Vorurteile auf die falsche Fährte locken. Und auch Rod Steiger darf seinen Polizeichef Gillespie differenziert anlegen. Der Mann mag Rassist sein, zeigt aber dennoch Charakter.
    Der Verzicht auf pädagogische Schulmeisterei ist die eigentliche Stärke des Films und wesentlich wirkungsvoller als es jeder erhobene Zeigefinger gewesen wäre.
    Was bleibt ist ein zu seiner Entstehungszeit ungemein mutiger Film, der auch heute noch dank seiner Atmosphäre überzeugen.

    Was an dem Film nun oberflächlich sein soll erschließt sich mir nicht so ganz.
    Ebenso wenig ist die Bewertung nachvollziehbar. Zumal der Rezensent feststellt, „dass der Film auf technischer und vor allem schauspielerischer Ebene glänzt“ und „ein für die 60er handwerklich wirklich klasse gemachter Film“ sei.

    Mittlerweile habe ich ca. 80% der Besprechungen gelesen.
    Die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, es fällt aber auf, dass der Rezensent Schwierigkeiten hat, gerade ältere Filme aus dem historischen Kontext zu betrachten und zu bewerten.
    Wie gesagt, schade eigentlich.

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    1. Da die letzte Sichtung schon über ein Jahr her ist, kann ich auf deine Punkte leider nicht mehr detailliert eingehen. Nur eine Frage hätte ich: Wie kommst du darauf, dass ich "Schwierigkeiten [habe], gerade ältere Filme aus dem historischen Kontext zu betrachten und zu bewerten"? Das lässt sich anhand zahlreicher Beispiele (Spur der Steine, Touch of Evil, Angst Essen Seele Auf, Gesprengte Ketten) deutlich widerlegen.

      Aber mal davon abgesehen, würde ich auch an keinem Film, der nur oder fast ausschließlich in seinem historischen Kontext funktioniert, Höchstnoten verteilen, denn gerade Zeitlosigkeit ist ja das Herausragende an vielen Klassikern der Filmgeschichte, was sie von anderen "nur" guten Produktionen unterscheidet. "In der Hitze der Nacht" zählt für mich eben nicht zu diesen zeitlosen Klassikern und nur weil das so ist, mir gleich die Kompetenz absprechen zu wollen, halte ich schon für arg vermessen.

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