Dienstag, 4. Dezember 2012

Spur der Steine [Frank Beyer | DDR 1966]


Drei Tage hatten die DDR-Bürger Zeit Frank Beyers Spur der Steine in einigen Lichtspielhäusern unter die Lupe zu nehmen, bevor der heute zurecht zum DEFA-Klassiker ernannte Film von der SED verboten wurde. Bereits die ersten Minuten zeigen warum: Ausnahmsweise ohne rosaroter Sozialistenbrille wird der selbsternannte Kern des Staates, die einfache Arbeiterschaft, als eine ungeordnete Horde voller Individualisten dargestellt. An ein und demselben Strang zieht hier eigentlich keiner, nicht einmal die Parteimitglieder. Die Arbeitsbedingungen im Bau sind miserabel, von der Materialknappheit bis zur unkoordinierten Chefetage und inmitten dieser alltäglichen Verwirrung müssen dennoch wichtige Entscheidungen getroffen werden. Im Mittelpunkt der Diskussionen steht das Parteiausschlussverfahren um den Bauleiter, ein eigentlich idealistisches SED-Mitglied, der sich den Fehltritt erlaubte, trotz Ehe eine Affäre aus Liebe zu seiner Arbeitskollegin zu beginnen. Ein Verstoß gegen die Moral und obendrein unzumutbar für das Prestige der Partei. Ist Liebe denn unmoralisch?, fragt Brigadeleiter Hannes Balla, hervorragend von Manfred Krug verkörpert, und bringt damit als kritischste und divergenteste Figur des Films erneut spitzzüngig das höchst instabile Gedankenkonstrukt der herrschenden Sozialisten ins Wanken, welche drauf und dran sind, das Leben zweier Liebenden, an der Grenze psychischer Belastung angelangt, in den Abgrund treiben zu lassen. Mit hintergründigen NS-Vergleichen und der Enttarnung kapitalistischer Tendenzen systemtreuer Bürger durch feine Gesten, wie der gierigen Umklammerung wertvoller Konsumgüter, komplettiert Beyer seine harsche, nie zu plakative, Kritik am Staatsapparat der Deutschen Demokratischen Republik. Dazu gehört eine Menge Freigeist und Mut, was gar nicht hoch genug geschätzt werden kann, trotz dass die DDR natürlich auch ihre guten Seiten hatte. Doch aus dem damaligen Blickwinkel betrachtet, war einzig und allein gut überlegte und wohl dosierte Kritik vonnöten, die uns der Film einwandfrei vermittelt. Schade nur, dass wir erst heute etwas davon haben.

7/10

Kommentare:

  1. Antworten
    1. Danke für die motivierenden Worte, obwohl ichs kaum glauben kann. :D

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